Nachkriegsmoderne – gerettet, bedroht, abgerissen, A - Z

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Kaum eine Woche, in der nicht eine Veranstaltung zu Themen der Architektur der Nachkriegsmoderne im Kalender steht. Fazit: Nicht mehr dass, sondern wie die Nachkriegsmoderne gerettet werden kann und soll, darf als Stand der Debatte gesetzt sein. Aber die Planungsrealität in den Städten, die unter ökonomischem Planungsdruck stehen, sieht anders aus.
Deswegen starten wir hier eine Übersicht – für Informationen zu heiklen Fällen bedanken wir uns, schreiben Sie bitte an contact@frei04-publizistik.de.

Jüngste Einträge

16. Juni: Gegen den Abriss der Mannheimer Multihalle von Frei Otto wendet sich die Baden-Württembergische Architektenkammer mit einem Zuschuss von 10.000 Euro.
6. Juni: Staab Architekten bauten den Stuttgarter Landtag um, siehe auch > hier
3. Mai: Das Rathaus in Gronau, 1969-76 von Harald Deilmann gebaut, ist unter Denkmalschutz gestellt worden

Augsburg

– Gerettet: Die Kongresshalle am Park von Max Speidel 1972, saniert von Schuller-Tham 2012

Berlin

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– Bedroht: die St. Hedwigs-Kathedrale in Berlin. Hans Schwipperts Innenraumgestaltung aus den Jahren 1955-63 soll verschwinden. Den internationalen Wettbewerb, den das Berliner Erzbistum unter Vorsitz von Kardinal Rainer Maria Woelki gewann das Umbau-Konzept der Architekten Sichau & Walter aus Fulda. Denkmalschützer, Architekten und andere wenden sich nun gegen die Zerstörung des Schwippertschen Umbaus in einem offenen Brief (22. März 2016, siehe > hier.
Bild: Monumente online, siehe > hier

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– Im Umbau: Mies van der Rohes 1968 eröffnete Neue Nationalgalerie wurd Ende 2014 geschlossen. David Chipperfield Architekten sind mit der Sanierung und dem Umbau des Kult-Gebäudes der Moderne beauftragt.Die Fassadenglasscheiben sind in ihrer Größe ein Problem, Wärmedämm-Glas gibt es in diesen Größen nicht, so dass bei der Nationalgalerie mit gutem Grund die Energieeffizienz nicht im Vordergrund der Sanierung stehen muss und kann.

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– 30. März 2016: In einem offenen Brief wendet sich der BDA Berlin an Auslober und Jury des Wettbewerbs zum Museum des 20. Jahrhunderts am Kulturforum. Die städtebauliche Komponente komme zu kurz, ein ÖPP-Projekt sei der Bauaufgabe nicht angemessen. Zum Brief > hier
– August 2015: Die Planungen am Kulturforum (zur Geschichte der städtebaulichen Planung siehe die Seiten der Berliner Senatsverwaltung > hier) werden vorangetrieben. Das gegenwärtige Flickwerk städtebaulicher Konzepte spiegelt nichts mehr von den Ideen Hans Scharouns, der 1957-58 den Wettbewerb gewonnen hatte und später die Philharmonie und – posthum gebaut – die Staatsbibliothek realiserte. Die Situation änderte sich 1989 grundlegend mit der Wiedervereinigung. Staatsministerin Monika Grütters treibt nun den Bau des Museums der Moderne voran, zu dem Ende August ein Ideenwettbewerb ausgelobt wird. Jens Bisky beschreibt die desolate Situation am 19. August 2015 in der Süddeutschen Zeitung  gebührenpflichtig > hier. (Bilder 2014: Ursula Baus)
28.8.2015: Hanno Rauterberg weist in der ZEIT vom 27.8.2015 darauf hin, dass der Wettbewerbsrahmen viel zu eng ist und durch die Festlegung des Orts, an dem ein neues Museum gebaut werden soll, falsche Prämissen geschaffen werden.
11. September 2015: Volkwin Marg insistiert in einem Leserbrief an die Bauwelt auf einen Beitrag von Sebastian Redecke siehe > hier
Literatur u. a. Bernhard Furrer, TEC21, 40/2015, Seite 12-13

– Bedroht: die Kant-Garagen; sie sind 1930 gebaut worden und damit natürlich ein Vorkriegsbau, aber trotz ihrer unverkennbaren architekturgeschichtlichen und ästhetischen Bedeutung bedroht. Monumente online berichtete am 3. Februar 2014 >>>mehr.
An der TU Braunschweig wurden Entwürfe für eine Weiternutzung erarbeitet, die Bauwelt berichtet > hier.
5. September 2014: Zahlreiche Vorschläge zur Erhaltung und Diskussionen haben den Eigentümer nicht aus der Reserve locken können: er schweigt. Bericht im Tagesspiegel von Cay Dobberke > hier

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– September 2015, sehr bedroht: der Alexanderplatz. 1993 hatte Hans Kollhoff mit seinen Entwürfen zu zehn Hochhäusern reüssiert. Das Nachkriegsensemble der Ostmoderne wäre dem Erdboden gleichgemacht worden. Das Haus des Berliner Verlages und das ehemalige Haus des Reisens wurden inzwischen unter Denkmalschutz gestellt, stadträumlich nimmt Kollhoff auch mit seinen aktualisierten Plänen nicht im geringsten Rücksicht darauf. Am 1. September 2015 informierte die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt in einem Bürgerworkshop. Weitere Workshops sollen folgen, die Kritik an Kollhoffs Konzept wächst. Weitere Informationen > hier. (Von der verlinkten Website stammt das Pressebild von Philipp Meuser)
Bei der Hermann-Henselmann-Stiftung ist das Gutachten von Gabi Dolff-Bonekämper und Stephanie Herold zur Fußumbauung des Fernsehturms als PDF online, siehe > hier

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– Gerettet: Bikini-Haus (Bild: Ursula Baus). Errichtet in Westberlin am Bahnhof Zoo von 1955 bis 1957 nach Plänen der Architekten Paul Schwebes und Hans Schoszberger. Umbau und Sanierung 2010–14 nach einem Entwurf von Arne Quinze,  SAQ architects. Wiedereröffnung im Frühjahr 2014 – siehe >hier
Weitere Information: Wikipedia-Eintrag und Internetseite der Bayrischen Hausbau

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– Gerettet: Seit Anfang 2015 wird die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnis-Kirche – von Egon Eiermann bis 1961 gebaut – mit Unterstützung der Wüstenrot Stiftung saniert. Vor allem die mit gegossenem farbigem Dickglas gefüllten Betonwaben müssen erneuert werden. Weitere Informationen > hier. (Bild: Ursula Baus, 2015)

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– Gerettet: Das ehemalige Amerikahaus an der Hardenbergstraße (Bild: David von Becker). Die Fotogalerie C|O fand 2015 hier ihr neues Zuhause, es bauten: Meyer Voggenreiter und Wolfgang Zeh, Leistungsphasen 2-9: Petra und Paul Kahlfeldt Architekten. > mehr
– Bedroht: Das Haus der Statistik der DDR an der Otto-Braun-Straße verfällt seit Jahren. Die beiden Kopfbauten besitzen eine plastische weiße Fassade, der Mittelteil vorgehängte rosa farbene Metallbleche und die riesige Leuchtreklame eine dampfenden Kaffeetasse. Beim Berliner Liegenschaftsfonds erwartet man Höchstpreise beim diesjährigen Verkauf. Die Bemühungen des Landesdenkmalamts rund um den Alexanderplatz kommen unterdessen zu spät: Der Bebauungsplan sieht den Abriss vor. Mehr hier
– Abgerissen (fast): Das Bauministerium der DDR war 1967-68 von Rolf Göpfert an der Breiten Straße gebaut worden – jetzt ist fast abgerissen. Der rückwärtige Teil bleibt stehen, ansonsten soll der weite Straßenraum durch eine kleinteilige Blockrandschließung verengt werden. Kritik am Abriss gab es kaum, obwohl das strenge Haus mit einer ornamentalen Attika-Bordüre und dem 90 Quadratmeter großen Wandbild „Der Mensch, das Maß aller Dinge“ von Walter Womacka auftrumpfen konnte. Es ist nun an einem naheliegenden Wohngebäude angebracht. Mehr hier

– Bedroht: Das ICC Internationale Congress Centrum von Ursulina Schüler-Witte und Ralf Schüler hat im April 2014 seinen Betrieb eingestellt. Ob es gelingen kann, hier ein Kulturzentrum zu etablieren, wie es Berliner Kulturmanager vorschlugen? Informationen hier und hier
> 5. Juni 2014: Die Vereinigung der Landesdenkmalpfleger und des Verbandes der Landesarchäologen verabschieden eine Resolution für die Erhaltung des ICC. Darin heißt es u. a.:  Nach nur 35 Jahren seines Bestehens wurde das Haus im April 2014 vorerst geschlossen; welcher Art die weitere Nutzung sein wird, ist offenbar noch ungeklärt, doch primär diskutiert werden aktuell Lösungen, die eine weitgehende Zerstörung des Inneren mit sich brächten (wie eine Umnutzung zur Shopping Mall). Sowohl die hohe baukünstlerische Qualität und der außergewöhnlich gute Erhaltungszustand, welcher Architektur und Ausstattung gleichermaßen einschließt, als auch der hohe Zeugniswert dieses Architekturerbes aus den Zeiten des Kalten Krieges sind überzeugende Argumente, die für die Erhaltung des Bauwerkes sprechen. Hinzu kommt, dass das ICC Berlin zu den wenigen Großbauten der sogenannten High-Tech-Architektur in Europa gehört. Wie kaum einer dieser Stadtbild und Architektur mitprägenden Großbauten erfüllt das Internationale Congress Centrum als nahezu unveränderter Zeuge seiner Zeit bis heute die wesentlichen von der UNESCO vertretenen Kriterien der Authentizität und Integrität. Wenn neue Nutzungen diskutiert und Eingriffe in die äußere und innere Substanz erwogen werden, sind diese Kriterien maßgebend. Die Versammelten sprechen sich dafür aus, das ICC Berlin in die Denkmalliste einzutragen und damit der geschichtlichen, künstlerischen, städtebaulichen und wissenschaftlichen Bedeutung des Hauses gerecht zu werden. Dieser Schritt ist die Voraussetzung für einen den denkmalpflegerischen Prinzipien entsprechenden Umgang mit dem Bauwerk, zu dem auch die angestammte Nutzung gehört.“
Das Bildarchiv Foto Marburg präsentiert zur Unterstützung der Resolution Schwarzweißfotos der 1970er Jahre sowie 250 exzellente Digitalaufnahmen vom Inneren des ICC, die die hauseigenen Fotografen Thomas Scheidt und Christian Stein im Winter 2012 angefertigt haben, siehe hier
> 10. Juli 2014: Die Architektenkammer Berlin wendet sich an den Senat mit der Aufforderung, das Umfeld des ICC in alle Überlegungen einzubeziehen, siehe Bild oben und > hier
.> 2. / 3. Mai 2015: Jan Heidtmann in der Süddeutschen Zeitung > hier

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– Bedroht: Die Tschechische Botschaft in Berlin, Wilhelmstraße, 1975-78 von Vera Machonina, Vladimir Machonin und Klaus Pätzmann gebaut. Das Gebäude steht seit 2005 leer, ist aber auch in seiner exquisiten Innengestaltung gt erhalten. Der tschechische Außenminister kündigte nun entweder massiven Umbau oder Abriss an. Siehe Tanja Scheffler in: Bauwelt 1-2.2016, > hier
(
Bild: beek100_free_wikipedia)

– Bedroht: Die Berliner St. Hedwigs Kathedrale wurde im Krieg stark zerstört, Hans Schwippert hat ihr in den 1950ern Jahren mit einer neuen Kuppel ein eigenes Gepräge verliehen. Trotz Denkmalschutz sucht ein Wettbewerb nach "mutigen" Lösungen. Was das bedeuten kann, erläutert Giuseppe Pitronaci in der bauwelt 19.14 >>> mehr
> Den Wettbewerb gewann das Fuldaer Büro Sichau & Walter. Zur Baugeschichte: Nach Skizzen Friedrichs II. (der das Pantheonmotiv vorgab) und Plänen Georg Wenzeslaus von Knobelsdorffs führte Johann Boumann d.Ä. den Bau aus. (...) Im Jahr 1930 wurde das Bistum Berlin gegründet und die Hedwigskirche zur Kathedrale erhoben. In den Jahren 1930 bis 1932 ist sie vom Architekten Clemens Holzmeister entsprechend den neuen Erfordernissen als Bischofskirche (Kathedrale) umgebaut worden. (...) Die Kathedrale wurde im II. Weltkrieg am 1. März 1943 schwer zerstört. Innenraum und Krypta brannten völlig aus, nur Außenmauern und Säulenkerne blieben erhalten. Im Mai 1952 wurde mit dem Wiederaufbau der Kuppel begonnen. Seit 1956 wurde der Innenraum durch Prof. Hans Schwippert (Kunstakademie Düsseldorf) konzipiert; er gestaltete die Oberkirche schlicht und konzentrisch auf den Altar bezogen (http://www.hedwigs-kathedrale.de).
Die Wettbewerbsentscheidung ist heftig umstritten, weil die Nachkriegsleistung von Schwippert verschwindet. Dazu die Baunetzmeldung vom 2. Juli 2014 > hier.
Zuletzt: Jens Bisky in der Süddeutschen Zeitung vom 4. Juli 2014
– Bedroht: Das Belvedere von Richard Paulick, Block C Nord, Karl Marx-Allee, gebaut 1951-52. Wärmedämmung und Isolierverglasung zwingen zu einer Lüftungsröhre, die jegliche Proportionen und originalen Details der Wohnung zerstören. Ira Mazzoni berichtet ausführlich in der Süddeutschen Zeitung am 2.6.2014

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- Gerettet: Der Umlauftank von Ludwig Leo in Berlin (Bild: ©Wüstenrot Stiftung/Philipp Lohöfener). Im November 2013 wurde beschlossen, dass die Wüstenrot Stiftung das signifikante Bauwerk aus den Jahren 1967-74, das Nachkriegsmoderne mit Pop-Elementen verband, saniert. HG Merz hatte eine Machbarkeitsstudie verfasst. Siehe auch Bauwelt 5.2015. > mehr

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– August 2015: Neu genutzt: St. Agnes in Berlin-Kreuzberg. Werner Düttmanns Kirche von 1964-67 wurde von Brandlhuber+ Emde Schneider umgebaut und dient heute Johann König als Galerie. (Bild: Homepage Galerie König)

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– September 2015: Dank der Unterstützung durch die Deutsche Stiftung Denkmalschutz wird die Kirche St. Ansgar, 1957 von Willy Kreuer (1910-84) in Berlin-Tiergarten saniert. Neben dem instandsetzungsbedürftigen Beton sind die korridierten Portaltüren und Stahlfenster, die abgeplatzten Emailleapplikationen und die Schmuckbleche der Portaltüren zu restaurieren. Die Bearbeitung der Sichtbetonflächen ist fachtechnisch anspruchsvoll und soll konservatorisch behandelt werden.(Bild: free wikipedia, Bodo Kubrak)

– 4. Juli 2015: Bedroht: Gottfried Böhms Wohnungsbau am Fasanenplatz: Der Eigentümer will die beliebten und bezahlbaren Wohnungen abreißen und ein rentablere Luxuswohnungen bauen. Der Tagesspiegel berichtet > hier

Bern

– Bedroht: Die Siedlung Halen von Atelier 5, errichtet 1955–62 soll saniert werden. Allerdings ist eine denkmalgerechte Sanierung in Gefahr. Die NZZ (Bernhard Furrer, 17. 4. 2014) berichtete hier

Bochum

– Gerettet: Blue-Box, ursprünglich die temporäre Mensa der Ruhr-Universität, 1963-65 von Bruno Lambart. Mehrfach umgenutzt, rettete Wolfgang Krenz, Architekturprofessor in Bochum, unterstützt vom Unternehmer Steilmann den Bau seit 2011 Sitz der FB Architektur der Hochschule Bochum. Mehr bei Frank Tölle, poolima, > hier

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